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Mystische Querverbindungen
8 Mai 2010 Frauenkirche Baden bei Wien, 19 Uhr


Reinerlös der Spenden geht an die Hospizbewegung Baden. Die Sonetten Michelangelos und die Partiten und Sonaten von Bach für Violine solo.
Idee: Joanna Mądroszkiewicz

Violine solo:                           Joanna Mądroszkiewicz
Rezitation:                             Jovita Dermota  
Übertragung der Sonette: Rainer Maria Rilke

 

Was verbindet diese zwei genialen Künstler, die in unterschiedlichen Zeiten lebten, schöpferisch in unterschiedlichen Welten tätig waren und anderen Glaubensrichtungen folgten…? Man kann zwar die architektonische Struktur der gigantischen Fugen von J.S. Bach klar erkennen aber reicht das für einen Vergleich? Die perfekte Harmonie die durch die Werke Michelangelos so überwältigend auf uns wirkt und das vollendete harmonische Gleichgewicht, das Bach in einer nicht zu übertreffenden Meisterschaft in seiner Musik hinterlassen hat, lassen schon ahnen wie nah die Übermittlungen genialer Künstler sich werden können, vorausgesetzt, der eigentliche Impuls kommt aus der Tiefe ihrer seelischen Schöpfungskraft. „Komm heiliger Geist..“ ist das Thema der monumentalen Fuge aus der C-Dur Sonate für Violine solo und wenn man sich genau in die Versen Michelangelos hineinhört wird eines klar: die verzweifelte Suche nach der Nähe Gottes, das Ringen um die seelische Quelle für die Kunst, aber auch für die ständige Entwicklung –ja, bis zum Tod,- der menschlichen und der künstlerischen Reife ist das ultimative Gebot, dem geniale Künstler über Jahrhunderte folgten, folgen und hoffentlich auch folgen werden. Die menschliche Stimme und die Stimme einer Violine werden in diesem Programm in eine Seelenstimme verwandelt und spannen einen Bogen über die scheinbar so entlegenen Regionen der Kunst. Die Sonetten von Michelangelo werden in der Übersetzung von Rainer Maria Rilke gelesen.

I. Eröffnung  
BACHAdagio (aus der Sonate g-Moll, BWV 1001) 3.34 Min.
MICHELANGELO„ Ist dieses ihres ersten Schöpfer Licht…“
(Non so, se s´è la desiata luce del suo primo factor… )
 2 Min.
BACHSarabanda  
 Giga (aus der Partita d-Moll, BWV 1004) 7.15 Min.
MICHELANGELO „Schon angelangt ist meines Lebens Fahrt“
(Giunto è gia ´l corso della uita mia...)
2 Min.
BACHAndante (aus der Sonate in a-Moll, BWV 1003) 6.09 Min.
    
II. Entwicklung   
MICHELANGELO „ Nicht sterbliches sahn meine Augen…“
(Non uider gli occhi miei cosa mortale)
„Seliger Geist, der als Tode alte Herz... “
(Felice spirto, che con zelo ardente)
„Wenn hier mein grober Hammer…“
(Se ´l mie rozzo martello)
6 Min.
BACHFuge ( aus der Sonate in C-Dur, BWV 1005) 10.08 Min.
 Bis zur Pause ca. 38 Min.   
P A U S E
III. Zenit   
MICHELANGELO„Ich wollte wollen, Herr, was ich nicht will” (Vorrei uoler…)
„So wende wieder mich zu jener Zeit“ (Tornami al tempo…)
4 Min.
BACHAllemanda (aus der Partita h-Moll, BWV 1002) 6.48 Min.
MICHELANGELO„O Nacht, zwar schwarze aber linde Zeit“ (O nott`, o dolce tempo, benche nero…) 2 Min.
BACHPresto (aus der Partita g-Moll, BWV 1001)
Loure (aus der Partita E-Dur, BWV 1006)
3.50 Min.
4.41 Min.
    
IV. Abschied   
MICHELANGELO„Von Sünden voll, mit Jahren überladen“ (Carico d`anni e di pechati pieno…)
Ein jeder hohle, eingeschlossene Ort (Ogni uan chiuso, ogni coperto loco...)
„Es schmerzt mich, macht mich trüb…“ (Mentre m`atrista e duol…)
6 Min.
BACHCiaccona (aus der Partita in d-Moll BWV 1004) ca. 14 Min.
 Nach der Pause dauert das Programm ca. 40 Min. Insgesamt alles ca. 90 Min 
    
Ev. Draufgaben: Madrigal (vor dem Jahr 1510): „ Wie kann es sein, dass ich nicht mehr mein bin? O Gott!..“
Largo aus der C- Dur Sonate
 
  

Polnische Musik und Lyrik

Eine besondere Rarität in den Programmen von Joanna Mądroszkiewicz ist die Kombination der polnischen Musik und Lyrik (vorgetragen in verschiedenen Sprachen). Vor allem die geistige Kraft der Gedichte von Papst Johannes Paul  II, in Verbindung mit der expressiven Interpretation der polnischen Violinliteratur bringt dem Publikum, die im Westen immer noch wenig verstandene und oft verkannte geistige Basis der polnischen Kultur näher. Bitte lesen Sie die Reflexion von Markus Siber über die Entstehungsgeschichte dieses Abends:

Das Land, wo die Metaphern blühen
Polen hat als leidgeprüftes Land viele großartige Dichter hervorgebracht. Joanna Mądroszkiewicz, Barbara Moser und Peter Matic machen sich mit einem musikalisch-literarischen Programm im Gläsernen Saal für Polens Lyrik stark. Es muss eine denkwürdige Veranstaltung gewesen sein: Als am 25. Jänner 1977 die junge polnische Geigerin Joanna Mądroszkiewicz in der Warschauer National-Philharmonie ihr mit Spannung erwartetes Debüt gab, standen nicht nur Gusto-Stücke des klassischen Violin-Repertoires auf dem Programm, sondern durchwegs Riskantes.

Polens große Nachwuchshoffnung hatte sich entschlossen, neben

Kompositionen von Bach, Sarasate und Paganini auch Werke aus ihrer eigenen Feder zum Besten zu geben. Aber nicht als Komponistin trat die Geigerin damals vor ihr gespanntes Publikum, sondern als Verfasserin von Gedichten. Ein mehrfaches Risiko also: Ist es prinzipiell schon ein Wagnis, sich in aller Öffentlichkeit in unterschiedlichen Disziplinen künstlerisch zu versuchen, so ist das Schreiben und Vortragen von Gedichten für jemanden, der sich primär woanders zuhause weiß, eine besondere Herausforderung. Wie viel Mitleid hat sich schon über selbstgebastelte Lyrik ergossen! Aber gerade Mitleid ist das, was ein junger Musiker am Anfang seiner Karriere am wenigsten braucht.

Joanna Mądroszkiewicz wagte und gewann. Der bekannte polnische Musikkritiker Kazimierz Wilkomirski lobte sie in einer hymnischen Rezension als eine Geigerin, für die Bezeichnungen wie „ungewöhnliches Talent“, „prächtige Technik“, „fesselnde Interpretation“ und ähnliches nicht ausreichen würden. Und er sprach ihr sowohl eine „echte poetische Begabung“ als auch eine Rezitation voller Ausdruck zu. Nur ihre Stimme, vermerkt der Kritiker in Parenthese, sei etwas zu schwach gewesen...

Trotz des großen Erfolges kam Joanna Mądroszkiewicz bald davon ab, eigene Lyrik in ihre Konzerte einzubetten – nicht aber davon, weiterhin Gedichte zu schreiben. Das sei aber, sagt die Künstlerin bei einem Gespräch in ihrer Wahlheimat Wien schmunzelnd, für eine Polin nichts Besonderes: „Es gibt kaum jemanden in Polen, der nicht in irgendeiner Form dichtet. Dichtung ist ein sehr wichtiger Bestandteil der polnischen Kultur, auch der Alltagskultur.“ Der Grund für diesen hohen Stellenwert ist ein geschichtlicher. Als Polen 1795 seine Selbstständigkeit an Preußen, Russland und Österreich-Ungarn abgeben musste und für 123 Jahre von der europäischen Landkarte verschwand, war die polnische Nation plötzlich nur noch eine übergeordnete Idee, die von zahlreichen Dichtern, großteils aus dem Exil heraus, nach allen Regeln der Kunst besungen wurde. Der Dichtung kam die Aufgabe zu, den nationalen Zusammenhalt zu sichern, der politisch nicht mehr gewährleistet war. Um nicht an der schmerzlichen Realität und den erfolglosen Freiheitskämpfen zu zerbrechen, investierte ein ganzes Volk viel Geisteskraft in die Fiktion eines unabhängigen Polens und klammerte sich daran beharrlich fest. So schöpfte das reale Leben seine größten Energien aus der Literatur, Dichter stiegen, wenn auch ungekrönt, in den Rang von Königen und Propheten auf. Sie verstanden es, das Leid des Volkes zu artikulieren und sehnten für ihre große Leserschaft die Wiedervereinigung des geteilten Polens herbei. Adam Mickiewicz, Polens identitätsstiftender Poet, Autor des Nationalepos „Pan Tadeusz“, schrieb 1849: „Niemand von uns hält sich für einen unpolitischen Dichter. Vielmehr erachtet es jeder von uns für die allerhöchste Tugend, eben ein politischer Schriftsteller zu sein.“ Es sollte freilich nicht bei politischen Implikationen alleine bleiben. Gerade Mickiewicz war es, der die nationale Idee auch mit mystisch-religiösem Gedankengut vermengte. So stellte er das Schicksal Polens in einen direkten Zusammenhang mit der Leidensgeschichte von Jesus Christus: ein Volk als Messias!

Die Verwebungen mit der Geschichte erschwerten die Rezeption der polnischen Literatur im Ausland sehr. Der Umstand, dass zentrale Werke im Versmaß oder gar in Reimen geschrieben wurden und folglich schwer zu übersetzen sind, tat sein übriges. Ein gutes Beispiel, wie schwer es polnische Literatur jenseits der Landesgrenzen hat, ist ein Theaterstück, das zu den Höhepunkten der polnischen Literaturgeschichte zählt und wie kein anderes Werk die Mentalität des polnischen Volkes darstellt. Es ist dies die „Hochzeit“ von Stanisław Wyspianski, einem der schillerndsten europäischen Künstlerpersönlichkeiten an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Über hundert Zitate sind daraus in die polnische Alltagssprache eingegangen. Die Uraufführung des Stücks fand unter großem Jubel 1901 in Krakau statt, seine deutschsprachige Erstaufführung ging erst 91 Jahr später, obwohl bereits von Hugo von Brecht angedacht, bei den Salzburger Festspielen über die Bühne. Die Kritik stufte das Werk als unzugänglich ein, und auch beim Publikum war der „Hochzeit“ kein Erfolg beschieden, weil die vielen Anspielungen auf die polnische Geschichte ohne entsprechende Vorbereitung an einem Theaterabend nicht auflösbar waren.

Trotz dieser ungünstigen Bedingungen hat es sich Joanna Mądroszkiewicz, die seit gut fünfundzwanzig Jahren in Wien eine Art kulturelle Botschafterin ihres Heimatlandes ist, zum Ziel gesetzt, der polnischen Lyrik in Österreich zu einem größeren Bekanntheitsgrad zu verhelfen. Um die Rezeption zu erleichtern, konzipierte sie für den Musikverein ein musikalisch-literarisches Programm, in welchem die Musik dem Publikum beim Verständnis der von Burgschauspieler Peter Matic vorgetragenen Gedichte gewissermaßen hilfreich zur Seite stehen soll. Die Liste der Komponisten und Autoren ist gleichermaßen prominent. Den Komponisten Henryk Wieniawski, Frédéric Chopin, Karol Szymanowski und Witold Lutosławski stehen mit Czesław Miłosz, Wiesława Szymborska und Karol Wojtyła zwei Literaturnobelpreisträger sowie ein Papst gegenüber. Ein großes Anliegen ist es der Violinistin dabei, vor allem die europäische Komponente der polnischen Kultur herauszustreichen: „Die meisten polnischen Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts waren – bedingt durch ihr Exil – ja überall in Europa zu Hause. So sogen sie auf der einen Seite begierig die aktuellen Strömungen in den jeweiligen Metropolen in sich auf, übten aber andererseits auch auf die europäischen Zentren eine große Faszination aus.“ Beide Phänomene finden in dem Programm von Joanna Mądroszkiewicz Niederschlag – ein Gedicht von Czesław Miłosz wird das Publikum am 5. März sogar zu Gustav Klimt ins Wiener Belvedere führen.

Dass Johannes Paul II. mit Gedichten ins Programm Aufnahme fand, untermauert, wie eng in Polen Glaube, Dichtung und Heimatliebe auch heute noch beieinander liegen. Karol Wojtyła war den Polen nicht nur ein geistiger, sondern in gewissem Sinne auch ein politischer Führer, dessen geschickt in Metaphern verpackte Botschaften im beschwerlichen kommunistischen Alltag Kraft spendeten. Die entbehrungsreiche Geschichte hat Polen überhaupt zu einem Land der Metaphern gemacht. Die Metapher öffnete der polnischen Seele wenigstens sprachlich jene Freiräume, die dem Land in der Realität sehr lange Zeit verschlossen blieben. Sie bot den Polen gleichzeitig aber auch einen Schutzmantel, hinter dem sie sich vor den sich abwechselnden Besatzern sowie den kommunistischen Funktionären halbwegs sicher fühlen konnten. Im kapitalistischen Polen hat diese Kulturtechnik übrigens weiterhin Bestand, wo selbst einfache Sachverhalte gerne metaphernreich umschrieben werden. Auch Joanna Mądroszkiewicz will die Metapher nicht missen müssen und verfasst 30 Jahre nach ihrem Warschauer Debüt nach wie vor regelmäßig Gedichte, zum Teil übersetzt sie auch selbst. Vorerst aber, deutet sie lächelnd an, nur für sich selbst.