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Selten ist die enge Beziehung zwischen Interpret und Komponist so greifbar wie in diesem Fall. Die Geigerin Joanna Mądroszkiewicz hat den Komponisten Egon Wellesz zwar nicht mehr persönlich gekannt - aber das Gespräch bei ihr zu Hause findet in den Sesseln von Egon Wellesz statt. Im Hintergrund: eine Skulptur des heiligen Sebastian aus dem Nachlaß von Wellesz. Und drüben, im Nachbarzimmer, ist der Tisch für den Tee gedeckt - auf einem Tischtuch aus dem Hause Wellesz und mit Servietten, in die der Name des Komponisten eingedruckt ist. Alban Berg und Anton Webern haben sich damit schon die Lippen getupft - ein bemerkenswerter Sonderfall mündlich überlieferter Musikgeschichte. |
Es fehlte nicht an Orden und Ehrungen - aber gespielt wurden seine Werke nicht allzu oft, ganz im Unterschied zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Damals war Wellesz mit seinen Opern, Balletten und symphonischen Werken eine europäische Berühmtheit, abgesehen von seiner wissenschaftlichen Reputation als Spezialist für byzantinische Musik. Die Universität Oxford machte ihn 1932 zum Ehrendoktor - eine Auszeichnung, die seit Joseph Haydn keinem österreichischen Komponisten mehr zuteil geworden war. Die renommierte englische Universität war es dann auch, die den Emigranten 1938 als „Fellow“ ans Lincoln College berief. Wellesz, 1885 in Wien geboren, blieb bis zu seinem Tod 1974 in Oxford. |
Wie aber kam Wellesz’ Mobiliar nach Mödling? Und wie das prominent bedruckte Linnen auf den Tisch von Frau Mądroszkiewicz? Die Geschichte dazu beginnt mit jenem Werk, das Joanna Mądroszkiewicz nun auch im Großen Musikvereinssaal spielen wird: dem Violinkonzert Opus 84 von Egon Wellesz. Die aus Polen stammende Geigerin interpretierte das Werk 1984 mit dem RSO-Wien beim “steirischen Herbst“. |
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Unter den begeisterten Zuhörern waren auch
die Witwe des Komponisten Dr. Emmy Wellesz, seine Tochter Elisabeth Kessler-Wellesz
und deren Mann Charles Kessler. Aus der Begegnung wurde eine echte
Herzensfreundschaft. |
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seiner humanistischen Vielseitigkeit ein wenig auf verlorenem Posten. Die Zeiten, in denen ein Bruno Walter oder Clemens Krauss so direkt auf einen Komponisten wie Egon Wellesz zukamen, waren jedenfalls vorbei.“ In Herbert Vogg fand Wellesz allerdings einen ebenso kompetenten wie effizienten Verleger in seiner Heimatstadt. Die Zeit scheint, wie gesagt, reif für eine Neu- und Wiederentdeckung dieses Komponisten. Und die Aufführung des Violinkonzertes könnte dafür einen wichtigen Impuls geben. Als das Werk 1962 im Rahmen der „Musica Nova“ - Serie des ORF aus der Taufe gehoben wurde, war die Kritik voll |
Emmy Wellesz erzählte ihr von Mahler, Honegger, Hindemith und Schönberg,
als hätte sie die Herren erst gestern noch gesehen, „so frisch, lebendig
- das war eine unglaubliche Frau, geistig rege und interessiert bis zu
ihrem Tod im Alter von 97!“ Und die Verbindung zu Elisabeth und Charles
Kessler nahm im Lauf der Jahre geradezu familiäre Züge an - Weihnachten
feierte man gemeinsam bei Joanna Mądroszkiewicz zu Hause. |
des Lobes, auch
wenn (oder gerade weil) die gängigen Ordnungskriterien versagten.
„Es gibt keine Möglichkeit “, so das Resümee eines
Rezensenten, „das Violinkonzert mit irgendeinem anderen Werk
dieser Art zu vergleichen, weil es formal und aussagemäßig völlig
eigenständig ist.“
Joanna Mądroszkiewicz stimmt dem zu. Was
allerdings den Rang des Werkes anlangt, meint
die Geigerin, „steht es dem Berg-Violinkonzert
in nichts nach. Das traue ich mich ohne weiteres zu sagen!“ |
Egon Wellesz spricht, dann ist es, als hätte sie ihn selbst gekannt. „Er war ein sehr freier Geist“, sagt die Geigerin über den Komponisten, „und diese Freiheit hat sich schon in jungen Jahren gezeigt, als er bei Schönberg in Mödling zu studieren anfing und sich dann abwandte, weil ihm dessen Strenge nicht entsprochen hat.“ Ein freier Geist - das ist Wellesz, wie Joanna Mądroszkiewicz findet, auch in seinen bedeutenden Werken, etwa dem Violinkonzert. „Man kann dieses Stück nicht in den Rahmen der Schönberg-Schule packen, obwohl es darin viele Zwölfton-Ideen gibt. Es lässt sich als Werk der erweiterten Tonalität verstehen, als expressionistisches - und vieles mehr.“ Wellesz, sagt Joanna Mądroszkiewicz, entziehe sich der Kategorisierung und Schematisierung, er sei “anders, breiter, offener“, eben ein freier Geist. „Das mag früher als Minus gegolten haben, heute aber ist es ein Plus.“ Die Zeit für eine Wellesz-Renaissance sei jedenfalls reif, meint sie - ganz im Einklang - übrigens mit |
Positive Art der Schizophrenie |
der Gesellschaft der Musikfreunde, die 1998 mit Charles
Kessler gemeinsam den “Egon Wellesz Fonds “ins Leben rief, um das
Werk ihres Ehrenmitgliedes verstärkt publik zu machen. |
"Das ist", meint sie lachend, „eine positive Art der Schizophrenie.“
Musik polnischer Komponisten liegt ihr besonders - die halbsbrecherisch-virtuosen Stücke
von Wieniawski, das vertrackt schwierige
Zweite Violinkonzert von Szymanowski,
doch mit ebenso großer Leidenschaft und Stilsicherheit spielt sie
Mozart und Bach. Ihre Liebe kennt da keine Grenzen. In einem Wunschprojekt aber kämen verschiedene Herzensangelegenheiten zusammen
- wenn es gelänge,
das Wellesz-Violinkonzert auch in Polen zu spielen.
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