Joanna Mądroszkiewicz
M ą D R O S T K A
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Das Land, wo die Metaphern blühen
Polen hat als leidgeprüftes Land viele großartige Dichter
hervorgebracht. Joanna Mądroszkiewicz, Barbara Moser und
Peter Matic machen sich
mit einem musikalisch-literarischen Programm im Gläsernen Saal für
Polens Lyrik stark.
Es muss
eine denkwürdige Veranstaltung gewesen sein: Als am 25. Jänner 1977
die junge polnische Geigerin Joanna Mądroszkiewicz
in der Warschauer National-Philharmonie ihr mit Spannung erwartetes
Debüt gab, standen nicht nur Gusto-Stücke des klassischen
Violin-Repertoires auf dem Programm, sondern durchwegs Riskantes.
Polens große Nachwuchshoffnung hatte sich entschlossen,
neben Kompositionen von Bach, Sarasate und Paganini auch Werke aus
ihrer eigenen Feder zum Besten zu geben. Aber nicht als
Komponistin trat die Geigerin damals vor ihr gespanntes Publikum,
sondern als Verfasserin von Gedichten. Ein mehrfaches Risiko also:
Ist es prinzipiell schon ein Wagnis, sich in aller Öffentlichkeit in
unterschiedlichen Disziplinen künstlerisch zu versuchen, so ist das
Schreiben und Vortragen von Gedichten für jemanden, der sich primär
woanders zuhause weiß, eine besondere Herausforderung.
Wie viel Mitleid hat sich schon über selbstgebastelter Lyrik
ergossen! Aber gerade Mitleid ist das, was ein junger Musiker am
Anfang
seiner Karriere am wenigsten braucht.
Joanna
Mądroszkiewicz wagte und gewann. Der bekannte polnische
Musikkritiker Kazimierz Wilkomirski lobte sie in einer hymnischen
Rezension als eine Geigerin, für die Bezeichnungen wie
„ungewöhnliches Talent“, „prächtige Technik“, „fesselnde
Interpretation“ und
ähnliches nicht ausreichen würden. Und er sprach ihr sowohl eine
„echte poetische Begabung“ als auch eine Rezitation voller Ausdruck
zu.
Nur ihre Stimme, vermerkt der Kritiker in Parenthese, sei etwas zu
schwach gewesen...
Trotz
des großen Erfolges kam Joanna Mądroszkiewicz bald davon ab, eigene
Lyrik in ihre Konzerte einzubetten – nicht aber davon,
weiterhin Gedichte zu schreiben. Das sei aber, sagt die Künstlerin
bei einem Gespräch in ihrer Wahlheimat Wien schmunzelnd,
für eine Polin nichts Besonderes: „Es gibt kaum jemanden in Polen,
der nicht in irgendeiner Form dichtet. Dichtung ist ein sehr
wichtiger Bestandteil der polnischen Kultur, auch der
Alltagskultur.“ Der Grund für diesen hohen Stellenwert ist ein
geschichtlicher.
Als Polen 1795 seine Selbstständigkeit an Preußen, Russland und
Österreich-Ungarn abgeben musste und für 123 Jahre von der
europäischen Landkarte verschwand, war die polnische Nation
plötzlich nur noch eine übergeordnete Idee, die von zahlreichen
Dichtern, großteils aus dem Exil heraus, nach allen Regeln der Kunst
besungen wurde. Der Dichtung kam die Aufgabe zu,
den nationalen Zusammenhalt zu sichern, der politisch nicht mehr
gewährleistet war. Um nicht an der schmerzlichen Realität
und den erfolglosen Freiheitskämpfen zu zerbrechen, investierte ein
ganzes Volk viel Geisteskraft in die Fiktion eines unabhängigen
Polens und klammerte sich daran beharrlich fest. So schöpfte das
reale Leben seine größten Energien aus der Literatur, Dichter
stiegen,
wenn auch ungekrönt, in den Rang von Königen und Propheten auf. Sie
verstanden es, das Leid des Volkes zu artikulieren und sehnten
für ihre große Leserschaft die Wiedervereinigung des geteilten
Polens herbei. Adam Mickiewicz, Polens identitätsstiftender Poet,
Autor des Nationalepos „Pan Tadeusz“, schrieb 1849: „Niemand von uns
hält sich für einen unpolitischen Dichter. Vielmehr erachtet
es jeder von uns für die allerhöchste Tugend, eben ein politischer
Schriftsteller zu sein.“ Es sollte freilich nicht bei politischen
Implikationen alleine bleiben. Gerade Mickiewicz war es, der die
nationale Idee auch mit mystisch-religiösem Gedankengut vermengte.
So stellte er das Schicksal Polens in einen direkten Zusammenhang
mit der Leidensgeschichte von Jesus Christus: ein Volk als Messias!
Die
Verwebungen mit der Geschichte erschwerten die Rezeption der
polnischen Literatur im Ausland sehr. Der Umstand, dass zentrale
Werke im Versmaß oder gar in Reimen geschrieben wurden und folglich
schwer zu übersetzen sind, tat sein übriges. Ein gutes Beispiel,
wie schwer es polnische Literatur jenseits der Landesgrenzen hat,
ist ein Theaterstück, das zu den Höhepunkten der
polnischen Literaturgeschichte zählt und wie kein anderes Werk die
Mentalität des polnischen Volkes darstellt. Es ist dies die
„Hochzeit“
von Stanisław Wyspianski, einem der schillerndsten europäischen
Künstlerpersönlichkeiten an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert.
Über hundert Zitate sind daraus in die polnische Alltagssprache
eingegangen. Die Uraufführung des Stücks fand unter großem Jubel
1901
in Krakau statt, seine deutschsprachige Erstaufführung ging erst 91
Jahr später, obwohl bereits von Hugo von Hofmannsthal und Bert
Brecht angedacht, bei den Salzburger Festspielen über die Bühne. Die
Kritik stufte das Werk als unzugänglich ein, und auch beim Publikum
war der „Hochzeit“ kein Erfolg beschieden, weil die vielen
Anspielungen auf die polnische Geschichte ohne entsprechende
Vorbereitung
an einem Theaterabend nicht auflösbar waren.
Trotz
dieser ungünstigen Bedingungen hat es sich Joanna Mądroszkiewicz,
die seit gut fünfundzwanzig Jahren in Wien eine Art
kulturelle Botschafterin ihres Heimatlandes ist, zum Ziel gesetzt,
der polnischen Lyrik in Österreich zu einem größeren
Bekanntheitsgrad
zu verhelfen. Um die Rezeption zu erleichtern, konzipierte sie für
den Musikverein ein musikalisch-literarisches Programm, in welchem
die
Musik dem Publikum beim Verständnis der von Burgschauspieler Peter
Matic vorgetragenen Gedichte gewissermaßen hilfreich zur Seite
stehen soll. Die Liste der Komponisten und Autoren ist gleichermaßen
prominent. Den Komponisten Henryk Wieniawski, Frédéric Chopin,
Karol Szymanowski und Witold Lutosławski stehen mit Czesław Miłosz,
Wisława Szymborska und Karol Wojtyła zwei
Literaturnobelpreisträger sowie ein Papst gegenüber. Ein großes
Anliegen ist es der Violinistin dabei, vor allem die europäische
Komponente
der polnischen Kultur herauszustreichen: „Die meisten polnischen
Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts waren – bedingt durch ihr Exil
–
ja überall in Europa zu Hause. So sogen sie auf der einen Seite
begierig die aktuellen Strömungen in den jeweiligen Metropolen in
sich
auf, übten aber andererseits auch auf die europäischen Zentren eine
große Faszination aus.“ Beide Phänomene finden in dem Programm
von Joanna Mądroszkiewicz Niederschlag – ein Gedicht von Czesław
Miłosz wird das Publikum am 5. März sogar zu Gustav Klimt ins
Wiener Belvedere führen.
Dass
Johannes Paul II. mit Gedichten ins Programm Aufnahme fand,
untermauert, wie eng in Polen Glaube, Dichtung und Heimatliebe
auch heute noch beieinander liegen. Karol Wojtyła war den Polen
nicht nur ein geistiger, sondern in gewissem Sinne auch ein
politischer Führer, dessen geschickt in Metaphern verpackte
Botschaften im beschwerlichen kommunistischen Alltag Kraft
spendeten.
Die entbehrungsreiche Geschichte hat Polen überhaupt zu einem Land
der Metaphern gemacht. Die Metapher öffnete der polnischen
Seele wenigstens sprachlich jene Freiräume, die dem Land in der
Realität sehr lange Zeit verschlossen blieben. Sie bot den Polen
gleichzeitig aber auch einen Schutzmantel, hinter dem sie sich vor
den sich abwechselnden Besatzern sowie den
kommunistischen Funktionären halbwegs sicher fühlen konnten. Im
kapitalistischen Polen hat diese Kulturtechnik übrigens weiterhin
Bestand, wo selbst einfache Sachverhalte gerne metaphernreich
umschrieben werden. Auch Joanna Mądroszkiewicz will die Metapher
nicht missen müssen und verfasst 30 Jahre nach ihrem Warschauer
Debüt nach wie vor regelmäßig Gedichte, zum Teil übersetzt sie
auch selbst. Vorerst aber, deutet sie lächelnd an, nur für sich
selbst.